Hintergrund

Die Masse macht’s

Die Plastiktüte hat vor ungefähr 60 Jahren ihren Siegeszug angetreten. Praktisch, leicht und als Werbefläche nutzbar haben Einkaufende wie der Einzelhandel sie für sich entdeckt. Warum auch nicht: Erdöl war leicht verfügbar und der Klimawandel kein Thema. So stieg der weltweite jährliche Verbrauch und wird auf ca. eine Billion, eine Zahl mit 12 Nullen geschätzt. In Deutschland sind es nach Aussage des Umweltbundesamtes über 6 Milliarden. Mit diesen Tüten könnte man jedes Jahr einmal die Fläche Berlins auslegen.

Die Einweg-Plastiktüte ist für viele als Alltagshelfer kaum noch wegzudenken, aber leider auch nicht mehr aus unseren Umwelt- und Klimaproblemen. Wir finden Plastiktüten in riesigen Müllstrudeln in den Meeren, in Mägen von Tieren und als Mikroplastik an unseren Stränden. Was für viele bisher noch weitgehend unbekannt ist: Der Beitrag der Plastiktüte zum Klimawandel. Plastiktüten werden aus Erdöl hergestellt, ein immer knapper werdender Rohstoff. Bei ihrer Herstellung und Entsorgung wird das Klimagas CO2 freigesetzt.

Der Plastiktütenfreie Tag wurde in Katalonien als Aktionstag ins Leben gerufen. Seitdem hat er sich zum Internationalen Plastiktütenfreien Tag entwickelt. Er wird als „Plastic Bag Free Day“ seit 2011 vom europäischen Netzwerk „Zero Waste“ jährlich durchgeführt. An diesem Tag wird weltweit mit Aktionen, Konzerten, Demonstrationen und Mitmachaktionen auf das Thema aufmerksam gemacht.

In Berlin gibt es Aktionen zum 3. Juli schon seit 2014. Auf dem Nettelbeckplatz im Wedding trat ein beeindruckendes Plastiktütenmonster auf und Stofftaschen konnten selbst gestaltet werden. Im Jahr 2015 haben sich erstmals in breitem Rahmen Umweltorganisationen vernetzt, um gemeinsam auf diesen Tag aufmerksam zu machen. Die Themen Plastiktüte und ihre Alternativen wurden von vielen Seiten beleuchtet und sollten ein Signal an Politik, Verbraucher/innen und Handel sein, konkrete Lösungen umzusetzen. Ein Aktionsfest am Alexanderplatz und eine Aktionswoche im Anschluss waren die zentralen Aktionen.
2016 wurde mit der Aktion „Berlin tüt was“ der Stiftung Naturschutz Berlin das Berliner Problem sichtbar. Fast 30.000 Plastiktüten pro Stunde gehen hier über die Ladentheke. Diese Menge in einer 9 km langen Kette zusammengebunden reichte zum traurigen Weltrekord der längsten Plastiktütenkette der Welt. Doch Berlin tut was! Viele Initiativen engagieren sich zusammen mit Verbraucher/innen und dem Einzelhandel in Berlin und entwickeln Lösungen: So gab es beispielsweise Tütentauschtage der Deutschen Umwelthilfe, der Plastiktütenfreie Markt der Vereinigung Wirtschaftshof Spandau, Bonuskarten von LIFE e.V., die jeden 10. Einkauf ohne Plastiktüte belohnten oder die Trashbusters der NaJu, die Jugendliche zu Aktionen gegen die Plastikmüllflut aufriefen. Entdecken Sie die vielfältigen Ansätze zur Vermeidung von Plastiktüten auf unserer Kooperationspartner-Seite.

Plastiktüten sind, anders als andere Plastikprodukte, leicht vermeidbar. Deshalb ist ihr Beitrag zum etwa drei Millionen Tonnen schweren Müllstrudel, der sich zwischen Kalifornien und Hawaii gebildet hat, besonders traurig. Hier dreht sich, angetrieben durch Wind und Strömungen, eine schwimmende Müllhalde. Auf ein Kilogramm Plankton kommen hier sechs Kilogramm Plastik. In den Wirbeln im Südpazifik, im Atlantischen und im Indischen Ozean gibt es weitere Plastikteppiche. Auch in Europa z. B. im Roten Meer und an den Küsten der Nord- und Ostsee sind viele Regionen von Plastikmüll übersät. Ein ökologisches Drama – mit verendenden Tieren, die Plastik für Nahrung halten und chemischen Plastikzusätzen, die in die Nahrungskette gelangen. Plastiktüten benötigen für Herstellung, Verteilung und Entsorgung Energie- und weitere Ressourcen, vor allem Erdöl, was den Ausstoß von Treibhausgasen zur Folge hat und den Klimawandel verstärkt.
Gelangen die Plastiktüten nach der Benutzung über den Hausmüll in die Müllverbrennungsanlage, sollte vor dem Hintergrund des wachsenden Anteils erneuerbarer Energien das dabei entstehende CO2 zusätzlich in die Bilanz einbezogen werden.
Da Mehrwegbeutel stabiler sind und einen deutlich höheren Materialeinsatz benötigen, lohnt sich auch hier ein Blick auf die Klimabilanz. Mehrwegbeutel sind dann am sinnvollsten, wenn sie aus Recyclingmaterialien wie Recyclingplastik oder Altstoffen hergestellt werden und auch wirklich mehrfach (mind. 30 Mal) benutzt werden.

Zahlen zum Plastiktütenverbrauch und dessen Auswirkungen auf einen Blick:

  • Weltweiter Plastiktütenverbrauch pro Jahr: 1 Billion.
  • EU-27-weiter Durchschnitt des Plastiktütenverbrauchs:198 Stück1 pro Person und pro Jahr. Der Verbrauch innerhalb der Länder variiert stark
  • Bundesweiter Plastiktütenverbrauch pro Jahr: 6,1 Milliarden.
  • Bundesweiter Plastiktütenverbrauch pro Person im Jahr: 71 Stück.
  • Bundesweiter Plastiktütenverbrauch pro Minute: 10.000 Stück.
  • Jahresverbrauch von Plastiktüten eines 4-köpfigen Haushalts in Deutschland: 260 Stück.
  • Plastiktütenverbrauch in Berlin: ca.30.000 Stück pro Stunde, jährlich 227 Millionen.
  • Jährlicher Mülleintrag in die Meere: weltweit 10 Millionen Tonnen.
  • Plastiktüten, die ins Meer gelangen: weltweit 6,4 Millionen Stück/ Jahr.
  • Mehr als 663 verschiedene Meerestierarten verfangen sich in Plastikresten.
  • Weltweit sterben jährlich eine Million Vögel und <100.000 Meeressäuger am Meeresmüll.
  • An manchen Stellen im Meer befindet sich heute sechsmal mehrPlastik als Plankton im Wasser.
  • Die vollständige Zersetzung einer Plastiktüte kann bis zu 500 Jahre dauern.
  • Durchschnittliche Nutzungsdauer einer Plastiktüte: 25 Minuten

1 BIO Intelligence Service 2011, “Assessment of impacts of options to reduce the use of single-use plastic carrier bags.”

Tiere und Plastiktüten
Plastik ist widerstandsfähig. Wenn eine Plastiktüte ungewollt in die Natur gelangt, verursacht sie große Probleme. Meeresschildkröten verwechseln sie beispielsweise mit Quallen und fressen sie. Von über 100 Meerestierarten ist bekannt, dass sie sich in Plastikresten verfangen oder strangulieren. Unter dem Einfluss des UV-Lichts der Sonne, von Wind, Wasser und Reibung, zerfallen die Plastiktüten und werden von Vögeln für Nahrung gehalten. Im weiteren Prozess zerfallen diese Kleinteile in Mikroplastik, das von Fischen gefressen wird und so auf unserem Esstisch gelangt, incl. der bei der Verdauung von Plastik freigesetzten Zusatz- und Giftstoffe. Je nach Plastikart und Umgebung kann eine vollständige Zersetzung bis zu 500 Jahre dauern.Bioaakkumulation„Inwieweit Plastiktüten oder im speziellen Plastiktüten aus Deutschland zur Meeresverschmutzung beitragen, ist aus den verfügbaren Befunden nicht ersichtlich. Aus den vorliegenden Daten der Überwachung der Spülsäume europäischer Meere wird jedoch deutlich, dass Kunststoffe die Müllfunde in den Spülsäumen europäischer Meere dominieren. Wo eine nähere Aufschlüsselung dieser Daten erfolgte, ist erkennbar, dass sich die Segmente „Kleine Plastiktüten“ und „Einkaufstüten“ unter den relevanten Fundstücken befinden. Weiterhin ist anzunehmen, dass sie zu der am häufigsten vertretenen „Plastikfragmenten“ zusätzlich beitragen. Daten von der deutschen Ostsee (Fehmarn und Rügen) zeigen, dass dort weitaus mehr kostenfreie kleine Plastiktüten als kostenpflichtige Einkaufstüten aus dem Einzelhandel gefunden werden“. Auch Festlandtiere stoßen bei Nahrungssuche und Nestbau auf Plastikteile. Bauen zum Beispiel Störche Plastiktüten in ihre Nester ein, kann das Regenwasser nicht abfließen und die Jungtiere ertrinken. Wildtiere auf Futtersuche können an Plastiktüten ersticken.

Die katastrophalen Auswirkungen von Plastiktüten auf Mensch, Umwelt und Klima haben weltweit bereits viele Staaten zum Handeln bewegt. Mit unterschiedlichem Erfolg.
Bereits seit Anfang des neuen Jahrtausends versuchen verschiedene Länder mit gesetzlichen Regelungen den massenhaften Verbrauch an Plastiktüten einzudämmen – und so den verheerenden Folgen für die Umwelt entgegenzuwirken.

Gesetzliche Verordnungen zur Plastiktütenreduktion in Ländern außerhalb Europas
Bangladesch z.B. hat Plastiktüten bereits im Jahr 2002 verboten, da sie durch das Verstopfen von Abwasserkanälen vermehrt zu Überschwemmungen führten. Auch Ruanda hat 2006 Verbote zu ultradünnen Plastiktüten eingeführt, mit erfreulichen Konsequenzen: So leidet das Land seit dem weder unter verstopften Abflüssen noch dem Plastikmüll in Gräben und Straßen. In China ist es zusätzlich zum Verbot der ultradünnen Tüten nicht erlaubt, Plastiktüten kostenlos abzugeben.1 Im US-amerikanischen San Francisco wurden Plastiktüten bereits im Jahre 2007 verboten. Kalifornien verhängte im Juli 2015 als erster US-Bundesstaat ein Verbot der Einweg-Plastiktüte. All das zeigt, es geht also.

Gesetzliche Verordnungen zur Plastiktütenreduktion in Europa
In der EU gilt Irland als Vorreiter in Sachen Plastiktütenreduktion. Anstelle eines Verbots führte man eine Abgabe von 44 Cent pro Tüte ein.1 Die Kostenerhebung bewirkte alleine im Jahr 2010 einen Rückgang von 328 Plastiktüten auf 18 Plastiktüten pro Einwohner*in und Jahr. Ein schöner Doppeleffekt: Die Maßnahme führte zur Verminderung der allgemeinen Umweltbelastung und trug zugleich dazu bei, dass die irische Bevölkerung ein Bewusstsein gegenüber der Plastiktüten-Problematik entwickelte.

Auch die Europäische Union hat dem hohen Plastiktütenverbrauch inzwischen den Kampf angesagt. Im Jahr 2014 beschloss die EU-Kommission ein Gesetz, wonach der Verbrauch von Plastiktüten schrittweise eingedämmt werden soll. Dies betrifft Plastiktüten, die dünner als 50 μm (0,05 mm) sind. Bis 2019 sollen die einzelnen Länder die Anzahl der verbrauchten Einweg-Plastiktüten auf 90 Tüten pro Person pro Jahr reduzieren, bis 2025 sogar auf 40 Tüten pro Person pro Jahr. Ob die EU-Staaten die Ziele über Steuern oder Gebühren erreichen oder auf freiwillige Aktivitäten setzten, wird ihnen dabei überlassen. Von der neuen Regelung nicht betroffen sind stabile Plastik-Mehrweg-Tüten, die heute schon kostenpflichtig sind, sowie – in Ermangelung einer praktikablen Alternative – die sehr leichten Obst- und Gemüsetüten mit einer Wandstärke geringer als 15 μm (0,015 mm).

Die Europäische Plastiktütenrichtlinie (94/62/EG) beinhaltet zwei Maßnahmen bzw. Zielvorgaben. Mitgliedstaaten müssen mindestens eine, können aber auch beide umsetzen. Entweder sie halten sich an die Zielvorgaben für den Verbrauch:

  • Verbrauch von max. 90 Plastiktüten pro Kopf und Jahr bis zum 31.12.2019
  • Verbrauch von 40 Plastiktüten pro Kopf und Jahr bis 31.12.2025 Alternativ sind auch Bemessungen in Gewicht statt Stückzahl möglich Oder die Staaten führen ab dem 1.1.2019 eine kostenpflichtige Abgabe ein.
  • Alternativ können auch gleichermaßen wirksame Instrumente eingeführt werden.

Initiativen zur Plastiktütenreduktion in Deutschland
In Deutschland setzt man bisher auf eine freiwillige Selbstverpflichtung zwischen dem Handelsverband Deutschland und Bundesumweltministerin Barbara Hendricks. In den kommenden zehn Jahren soll der Verbrauch an Plastiktüten durch ihre kostenpflichtige Abgabe um knapp die Hälfte sinken. Das Entgelt wird von den Handelsunternehmen erhoben, die sich an der Vereinbarung beteiligen. Sie entscheiden auch über die Höhe. Bis 2018 müssen mindestens 80 Prozent aller Tüten kostenpflichtig sein. Von der Regelung betroffen sind ca. zwei Drittel der Tüten im Handel. Hinzu kommen Tüten in Apotheken oder Bäckereien, Tankstellenshops, Wochenmärkten und Imbissbuden. Daneben gibt es eine Vielzahl von zivilgesellschaftliche Initiativen und engagierten Händler_innen, die sich für eine Reduktion der Plastiktüte einsetzten.

Einkaufen ohne Plastiktüten ist heute kaum vorstellbar. Überall werden sie uns angeboten und selbst wenn wir einen eigenen Beutel dabei haben, passiert es immer wieder, dass wir mit einer neuen Plastiktüte nach Hause kommen. Warum ein Verzicht so schwer ist, hat auch etwas mit unserer veränderten Lebens- und Arbeitskultur zu tun. Wir gehen häufiger spontan und ungeplant einkaufen. Die langen Öffnungszeiten geben uns fast rund um die Uhr die Möglichkeit dazu und das passt zu unseren immer flexibleren Arbeitszeiten. Oft gehen wir nicht gezielt los, wollen gar nichts kaufen, nur schauen, was es so gibt. Also warum einen Beutel einpacken? Kennen Sie das? Natürlich finden wir dann doch etwas und der serviceorientierte Handel hat auch genau für diesen Fall die Einwegplastiktüte da. Dieser Effekt verstärkt sich, denn wir gewöhnen uns an diesen Service. Selten ist uns bewusst, dass unser unbeschwertes Shoppingerlebnis ein ernsthaftes Problem für Umwelt und Klima geworden ist.
Aber Wegsehen hilft nicht.
Es gibt viele Möglichkeiten, Plastiktüten zu vermeiden. Nutzen Sie den Plastiktütenfreien Tag, um praktikable Alternativen zu finden. Hier unsere Tipps, wie der Umstieg auf einen Mehrwegbeutel klappen kann.

  • Suchen Sie sich einen richtig schicken Mehrwegbeutel aus, den Sie gerne tragen.
  • Befestigen Sie vorsichtshalber einen leichten faltbaren Beutel mit einem kleinen Karabiner in Ihrer Handtasche oder am Schlüsselbund
  • Ersetzen Sie Ihre Handtasche durch einen edlen Mehrwegbeutel, in dem noch genug Platz für Einkäufe ist.
  • Planen Sie Ihre Wocheneinkaufe und legen Sie sich zur Einkaufsliste gleich einen Mehrwegbeutel dazu. Das spart Geld, weil es spontane Einkäufe und Plastiktüten reduziert.
  • Seien Sie ehrlich mit sich selbst und unterschätzen Sie nicht die Menge, die Sie einkaufen. Packen Sie ausreichend Beutel ein. Lieber einen zu viel dabei haben.
  • Antworten Sie im Laden auf die Frage “Möchten Sie eine Tüte?“ mit „Nein danke, ich habe einen Beutel. Das ist viel besser für die Umwelt und das Klima!“
  • Lehnen Sie Plastiktüten ab, auch wenn sie Ihnen ungefragt oder zu viele gegeben werden. Machen Sie das Kassenpersonal auf die Umwelt- und Klimaproblematik aufmerksam.
  • Lassen Sie sich nicht täuschen. Für die Umwelt und das Klima sind auch Tüten aus Mais oder Zuckerrohr nicht gut. Die beste Alternative sind Mehrwegtaschen aus Recyclingmaterial.
  • Wenn Sie für sich einkaufen lassen, geben Sie Mehrwegbeutel für den Einkauf mit.
  • Tauschen Sie mit Ihrer Familie und Freunden Ideen und Tipps aus, wie man die Plastiktüte vermeiden kann. Nutzen Sie dafür als Anregung z. B. unseren kleinen Animationsfilme